Das Wunderland, das gibt es noch, nicht das von Alice meine ich, sondern jenes, wo so großartige KünsterInnen-Ein-Personen-Maschinen unbeirrt von reich, anerkannt, arriviert, beliebt, berühmt, blablabla vor sich hin werkeln, weil sie einfach nicht anders können.
Ein grosser Herzenswunsch war es mir deshalb schon länger, 3rynnia, die genau so eine hermetische work unit darstellt, auf TSN ausführlich zu porträtieren. 3rynnia liebt es (so wie ich) eher mysteriös, weswegen wir nun weder mit persönlichen Daten, noch Lebensgeschichte dienen werden. Dafür gibt es aber ein aufregendes Mixtape, tolle Fotos, Links zum weiterinformieren und ein Interview, dass ich mit der Künstlerin kürzlich geführt habe.

Den Namen Erynnia find ich interessant. Das ist die Bezeichnung für eine Fliege aus der Famile der Tachinidae – erzähl mal wie du dazu kamst, eine Fliege werden zu wollen.
ursprünglich bezieht sich der name auf die griechischen erinyen (röm. furien), die drei rachegöttinnen, personifizierte gewissensbisse der antiken mythologie. mit 16 war ich teil einer für mich sehr aufwühlenden theateraufführung von jean-paul sartres “die fliegen”, wo sie ein zentrales element bildeten. die idee von diesen drei weiblichen figuren und ihrer unausweichlichen getriebenheit hat mich vollends vereinnahmt und von da an gab es keinen zweifel mehr für mich, wer zu mir spricht wenn ich kreativ bin. 2011 hat sich Erynnia dann in “3rynnia” verwandelt, was neben der persönlichen magie dieser zahl nicht zuletzt auch eine wiederholte referenz auf Alekto (Ἀληκτώ), Megaira (Μέγαιρα) und Tisiphone (Τισιφόνη) ist.
Es singen viel mehr Menschen als man glaubt – das hüten sie jedoch wie ein Geheimnis – ist das eine schwierige Entscheidung, damit an die Öffentlichkeit zu gehen?
ich bin obsessive verfechterin von geheimnissen. lange zeit war das gesamte projekt ebenfalls eines. es ist beängstigend etwas von sich preis zu geben, das so eng mit einem verbunden ist. deshalb habe ich mich – entgegen der gängigen praxis im kunstumfeld – auch lange zeit geweigert live aufzutreten. ich schätze es kommt einfach irgendwann die zeit, wo man nicht mehr zwischen einem selbst und der kunst trennt. wo man die eigenen grenzen überschreiten muss um weiter zu kommen. irgendwann gab es nichts mehr zu verstecken. im gegenteil – es gab so viel belanglosigkeit ringsum, dass ich meinen ideen einen platz in der welt einräumen wollte. einen gegenentwurf zur perfektionistischen praxis der selbstdarstellung schaffen. auch wenn ich trotzdem der überzeugung bin, dass ich zur zeit des ersten offiziellen demos “PDA” (2005) noch bei weitem nicht reif dafür gewesen bin, mich irgendeinem publikum zu stellen.
Aber du hast es einfach trotzdem getan, das finde ich bewundernswert. Die Frage ist ja, wieviel von sich man dann hinter einer eigens kreierten Kunstfigur versteckt, oder von sich “selbst” preisgibt. Wobei es ja auch sein kann, dass diese Kunstfigur bloß ein anderer Aspekt der eigenen Persönlichkeit ist, der neu entdeckt werden will.
anfangs hat mich dieses thema beschäftigt. das nachdenken darüber war jedoch schon immer hinderlich für meinen schaffensprozess. also habe ich damit aufgehört. sobald etwas konzipiert ist, verliert es auf dauer seinen reiz. es ist das überwältigtwerden vom unbewussten, das mich interessiert. der rationalität wird im alltag sowieso schon genug platz eingeräumt. vielleicht ist das auch der grund, warum meine musik für viele leute unverdaulich ist. es geht nicht darum etwas konsumierbar zu verpacken, sondern es anzuerkennen und rauszulassen. manchmal werden dabei teile von einem selbst befreit und manchmal sterben sie. manchmal spricht jemand fremder aus einem und manchmal verliert man sich in einem selbst.
Als Journalist schmeisst man ja Musik immer gerne in irgendwelche Schubladen – in deinem Fall war es schwierig für mich, Vorbilder zu finden – wie wärs denn mit Diamanda Galas?
brauchst du wirklich eine schublade? die nennung von diamanda ehrt mich und dieser “vergleich” taucht gar nicht so selten auf. es fällt mir schwer, über meine aussenwirkung zu urteilen. georg cracked hat in seiner rezension zu meiner EP “Cavern of Victory” unter anderem kate bush, mike patton und sainkho namtchylak erwähnt, was ausserordentlich schmeichelhaft war. jemand im netz kategorisierte 3rynnia als “apocalyptical lo-fi blues”. wenn ich jedoch für mich spreche, kann ich sagen, dass mich als künstlerin und musikerin mit sicherheit katie jane garside tiefgreifend geprägt hat. ihre präsenz und existenz war lange zeit ein motor, gegen die eigenen vorbehalte anzukämpfen. sie repräsentiert für mich noch immer eine authentizität und intensität, die wahre kunst auszeichnet. um mit A$AP Rocky zu sprechen, dessen song auch auf dem mixtape vertreten ist: “An artist in the purest form, I live that song, Bambi.”
Ja wie soll ich sagen… ja, ich brauche Schubladen. Das hat ja auch irgendwie was geil Nerdiges an sich, wenn man da nach Querverbindungen sucht. Oder kurzerhand gar neue erfindet wie “Witch House”, da ärgern sich dann alle drüber
Aber natürlich, zu ernst nehmen sollte man das Ganze als Rezensent nicht mit der Musikwissenschaft. Also ich möchte gern noch was von dir wissen. Deine Fotos sind ja mitunter auch recht sinnlich. Welche Rolle spielt deine Sexualität bei deiner Präsentation als 3rynnia?
ich reflektiere so etwas nicht bewusst. sexualität ist doch der ultimative kreative prozess. genauso umgekehrt. ich mache was ich fühle und es ist jedesmal eine herausforderung, körperlich, intellektuell, visuell und akustisch auszudrücken, was einen und das unmittelbare umfeld bewegt. es muss in dem moment wahr sein und wenn das z.B. heisst, dass ich mich entkleiden muss um mich geschützt zu fühlen, dann ist das eben in dem augenblick so. und morgen wieder anders. das ganze hat etwas sehr rituelles. der menschliche körper fasziniert mich grundsätzlich in vielerlei hinsicht. er ist endlos und undurchschaubar. aber das ist wieder eine andere geschichte.
Arbeitest du eigentlich gerne auch mit anderen Musikern/Sängern zusammen, oder produzierst du am liebsten alleine?
wir sind immer mindestens zu dritt und nie alleine
das schaffen mit 3rynnia ist kompromisslos und streng, gleichzeitig aber auch völlig ungeordnet und rein intuitiv. wahrscheinlich auch extremer als es jede kooperation je sein kann. zusammenarbeit erfordert immer kompromisse, es ist einfach eine völlig andere art zu arbeiten. bei einer collabo kann ich nicht jemanden um 8 uhr früh anrufen und sagen “du, ich nehme grad im bett den neuen song auf, komm schnell rüber und spiel dazu den gitarrenpart ein.” das macht (noch) keiner. zwei aktuelle kollaborationsbeispiele finden sich auf dem mixtape: zum einen der IFeelYou-remix vom leipziger multitalent Silences, mit dem ich derzeit auch an eigenen tracks arbeite. zum anderen die collabo mit 7schlaf, einem linzer elektroniker. in der vergangenheit habe ich vereinzelten songs meine stimme geliehen (Alien Hand Syndrome, Neigungsgruppe Sex, Gewalt und Gute Laune), wobei mir bei der zusammenarbeit immer ein gewisser ähnlicher blick auf die welt wichtig ist. ein bereits fertiges obskures projekt mit einem freund existiert zum beispiel als geheimnis auf einem rohling. einfach weil es so schwer ist, einen geeigneten physischen output dafür zu finden, der dem inhalt auch künstlerisch gerecht wird.
“Geeigneter physischer Output”, gutes Stichwort: Früher einmal war es das wichtigste, irgendwo mal einen “offiziellen” Release zu haben, nachdem die “Musikindustrie” ja heutzutage für nix mehr zu gebrauchen ist, releast und vermarktet man heute ja mehr im Alleingang – wo ist denn dein musikalisches Werk zu finden?
kreuz und quer übers internet verstreut. haha. irgendwann habe ich aufgegeben, mich an ein konzept zu halten. die ersten drei releases gab es als limitierte CD-Roms. die beiden letzten davon kann man mittlerweile bei Amazon und diversen anderen online-stores runterladen (noch unter dem namen Erynnia). alle aktuellen releases möchte ich auf bandcamp rausbringen, unter anderem ist dort der erste teil des akustischen triptychons “I saW Was I” zu hören. skizzen und aktuelles veröffentliche ich meist auf soundcloud oder youtube. es begeistert und beruhigt mich immer wieder, dass es ein paar hardcore fans am anderen ende der welt gibt, die es trotz meiner wirren release-politik schaffen, alle meine veröffentlichungen zu verfolgen und vollständig zu besitzen. solches engagement und detektivistisches gespür bewundere ich, es erinnert mich ein wenig an mich selbst als ich noch mehr konsumiert habe. da gab es auch nichts was mir entging, wenn ich eine obsession hatte. wer letztlich wirklich ans ziel will, schafft es auch und in zeiten der reizüberflutung ist eine derartige konsequenz das größte kompliment, das man als künstlerin erhalten kann.
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Und hier das versprochene Mixtape von 3rynnia, welches euch wie immer zum Stream oder Download zur Verfügung steht.

Frühlingsfi3b3r Mixtape by 3rynnia.
I. My Brightest Diamond – Nature Boy
II. Cynic – King of those who know
III. 3rynnia – IFeelYou [Silences Remix]
IV. Sufjan Stevens – Dumb I Sound
V. Paatos – Gasoline
VI. A$AP Rocky – Leaf
VII. 7schlaf feat. 3rynnia – Seven Sleepers of Hell
VIII. Mondkopf – Day of Anger
IX. Halls – I am not who you want
X. Melanie Fiona – 4am [HTDW Speed Breaks Repetition Mix]
XI. 3rynnia – Silence I
XII. Sun Glitters – Too Much To Lose [Regal Safari Remix]
XIII. D.I.P. Project & Инфинити – Я ничья, я чужая
XIV. Kastle – Stay Forever
XV. Der Täubling – Kinderszenen




