Seit ich vor vielen Jahren zum ersten Mal die Möglichkeit hatte, nach Berlin reisen zu können, befinde ich mich im Zustand unerschöpflicher Verehrung für diese altehrwürdige und gleichzeitig etwas heruntergekommene Metropole. Ich weiss schon, dass es mitunter kein Zuckerschlecken ist, wenn man dort leben und überleben muss, poche aber auf mein Recht auf einen naiv-touristischen Zugang. So träume ich weiterhin von Neukölln und Kreuzberg, graffitibeschmierten Wänden, der einmaligen Dichte an Events, Lokalen und Geschäften und spare mein Geld für die nächste Exkursion in den ehemaligen Ostteil der Stadt.
Für euren Bloghost als treuen Fan des Krautrock und der sich daraus speziell entwickelnden Spielart der elektronischen Musik ist Berlin natürlich auch in dieser Hinsicht der heilige Gral. Stellt man sich vor, welche mächtigen Bands und Soloprojekte in den 1970er-Jahren in dieser Stadt ihren Anfang nahmen, wird einem ganz schön schwindelig: Tangerine Dream und ihre wolkenkratzerartigen Synthesizertürme! Klaus Schulze im Schneidersitz vor seiner riesigen Keyboardburg! Ash Ra Tempel mit dem unerschöpflich innovativen Manuel Göttsching – unsterblich seine spätere Zusammenarbeit mit Timothy Leary und sein eher unfreiwilliges Dasein als Protagonist der Cosmic Jokers, dem Projekt des wahnsinnigen Produzenten Rolf-Ulrich Kaiser.
Und die Stadt war immer ein brodelnder Schmelztiegel: Innovatoren wie der gebürtige Düsseldorfer Conrad Schnitzler (der vor wenigen Tagen nach langer Krankheit verstorben ist) oder der damals seiner Heroinsucht entfliehende David Bowie machten Berlin immer wieder zur Stadt der kreativsten musikalischen Köpfe. Das hat sich bis heute nicht geändert: von Ikonen wie Plasticman bis zu den führenden Protagonisten des Dub- und Poststep sorgt der ständige Zuzug fähiger Elektronikmusiker weiterhin für einen bleibenden Legendenstatus der Metropole.
Was mich persönlich am meisten interessiert, ist die deutsche Schnittstelle zwischen den rituellen Rhythmen des Krautrock und der Spielart der elektronischen Musik, die später zu Techno und Trance werden sollte. Dafür verantwortlich waren der “Kulturarbeiter und Raumforscher” Dimitri Hegemann, der zu Beginn der 1980er-Jahre nach Berlin zog, ein kurzlebiges Kultprojekt namens No Zen Orchestra und der Elektronikkünstler Udo Heitfeld aka TV Victor. Keine allzu bekannten Namen, hinter den Kulissen allerdings extrem wichtige Protagonisten, Netzwerker und Impulsgeber.

Dimitri Hegemann
Hegemann, der zwischen 1982 und 1990 das Festival Berlin Atonal veranstaltet hatte, gründete 1988 Interfisch, aus dem 1991 das Label Tresor hervorgegangen ist. Ebenfalls 1988 eröffnete er in der Köpenickerstraße mit dem “UFO” den ersten Technoclub Berlins, der zwar nur für kurze Zeit existierte, aber Vorbild war für das “Tresor”, den prägenden Berliner Club der 1990er-Jahre. Und bereits 1987 hatte Hegemann das No Zen Orchestra um sich versammelt, einen freien Zusammenschluss wilder Männer, die gleichzeitig fantastische und fanatische Musiker und Soundtüftler waren und einen überaus weitreichenden Background von Krautrock über Punk bis New Wave einbrachten.
Der einzige, heute längst vergriffene Release “Invisible College” ist das definitive Tondokument der zuvor angesprochenen Schnittstelle; hier vereinen sich die federnden Rhythmen der Can-Schule mit schamanischer Ethno-Lust und freier Improvisation zu einem für die damalige Zeit unglaublich modernen und auch heute noch aufregenden, beunruhigenden Stilmix.
Ein Ausschnitt aus dem Titeltrack:
Ein Mitglied des fabulösen No Zen Orchestra und gleichzeitig erster Tresor-Labelartist war Udo Heitfeld unter seinem Künstlernamen TV Victor. Dieser zurückhaltende Musiker ist noch heute aktiv; die wenigen, erschienen Werke seiner langen Arbeit hinter den Kulissen sind allesamt absolute Meilensteine, mit denen man sich auseinandersetzen muß, will man die ureigene (und nicht die mißbräuchlich verwendete) Bedeutung des musikalischen Begriffes Trance kennenlernen.

Der Wahlspruch von TV Victor, wichtig zum tieferen Verständnis seiner Musik, ist “Eadem mutata resurgo” – “Verwandelt kehr’ ich als dieselbe wieder” des Schweizer Mathematikers Jakob Bernoulli (1655 – 1705). Bernoulli ehrte damit sein mathematisches Lieblingsspielzeug, die logarithmische Spirale, die mit jeder Umdrehung den Abstand von ihrem Mittelpunkt um den gleichen Faktor vergrößert und sich in umgekehrter Drehrichtung mit abnehmendem Radius wiederum immer enger um den Mittelpunkt schlingt. In der Natur findet man die logarithmische Spirale in Schneckenhäusern oder in der Anordnung der Kerne innerhalb einer Sonnenblume; auch Fluginsekten kreisen in einer logarithmischen Spirale um einen Leuchtpunkt, z.b. eine Straßenlaterne (Quelle).
In den Tracks von Heitfeld (die sich manchmal auch über eine Spielzeit von 55 – 70 Minuten ausbreiten) kreist das musikalische Geschehen also in einer logarithmischen Spirale um einen musikalischen Mittelpunkt, den Loop, eine Schleife, die aus einem abgegrenzten klanglichen Element besteht. In dieser Hinsicht gemahnt sein Werk an frühe Innovatoren wie John Cage, Karlheinz Stockhausen oder Terry Riley, die ihre Loopvariationen noch mit dem Zusammenkleben von Tonbandschnipseln bewerkstelligten und diese dann mit zugefügten Effektspuren variierten.
Heitfelds Variationen des musikalischen Grundbausteins werden häufig mit diversen Hall- und Rauscheffekten erreicht, darin ähnelt er den deutschen Meistern Basic Channel, deren Bestreben allerdings eher eine weitgehende Abstrahierung klanglicher Elemente war, während Heitfeld seine Exkursionen immer in einen ambienten Klangteppich à la Brian Eno bettet. Während also die Kunst Basic Channels darin besteht, durch die ständige Wegnahme klanglicher Elemente und deren Ersatz durch weisses Rauschen und Stille im Kopf des Hörers ein aberwitzig konstruiertes, architektonisches Gebilde entstehen zu lassen, führt TV Victor zielstrebig in die entgrenzten Räume einer hypnotischen Trance – einen Zustand also, in dem man sowohl schläfrig-entspannt, als auch hochkonzentriert ist.
Den Zustand einer Trance erzeugt man per Definition durch die “mehrfache, schleifenartige Wiederholung eines Reizmusters” (Quelle), womit sich elektronisch generierte Musik mit einem zentralen Loop und dem variationsreichen Kreisen als Gefährt dafür eben wunderbar anbietet. Das war wohl auch die Idee hinter der frühen (technoiden) Trance-Bewegung der 1990er-Jahre mit deren Protagonisten KLF, The Orb oder Cosmic Baby, um nur einige der ehrwürdigen Künstler von damals zu nennen. Aber auch in diesem Genre kam es, wie es kommen musste: Die Musikindustrie erkannte Potential und überschwemmt bis zum heutigen Tag den Markt mit “Trance”-Samplern, deren billige Rhythmen und Kitsch-Synths eher zum Erbrechen als zu hypnotischer Erleuchtung führen. Und jüngere Raver haben garantiert keine Ahnung von der ursprünglichen Intention dieser Spielart der elektronischen Musik. Höchste Zeit also, sich zu entschleunigen und mit TV Victor zur Quelle zurückzukehren.
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Die Homepage von TV Victor.
TV Victor auf Tresor.
Hier gibt es einige interessante Videointerviews mit Dimitri Hegemann.





Erhellender Artikel, danke Doc!
Bitte gerne! TV Victor und das No Zen Orchstra sind mir ja eine Herzensangelegenheit, viel zu wenig bekannte deutsche Legenden…
Liebe Grüsse,
dein Doc
wirklich interessanter artikel, endlich wieder neue sphären zu entdecken
(mensch, ich lern so viel auf deinen blogs ;D )
danke !
danke dir vielmals für dein liebes kompliment! es ist mir eine ehre!
dein docteur
Auch von meiner Seite herzlichen Dank über etwas Insight in die Leute hinter der dem No Zen Orchestra.. ich bin Besitzer der CD, die mir mal mitte der 90er auf einer CD-Börse entgegenkam. Ich sah das Cover, irgendwas rang a bell, ich ließ mir die CD einlegen und auf hörte auf Kopfhörer rein..Ich hatte vergessen, daß ich dieses Album mal gehört hatte, Jahre zuvor. Und plötzlich, bei dem Wahnsinns-Crescendo von obigem INVISIBLE COLLGE sprang es mich an : ich hatte das Album auf Acid gehört, im kleinen feinen Kreis guter Freunde auf einer Party im tiefsten Kreuzberg ..und die ganze Erinnerung des Trips sprang mich wieder an. Und ich kaufte die CD sofort, für , keene Ahnung, einen Zehner odawat? So wars. Anway: danke. Feiner Blog übrigens.