In unruhigen Zeiten wie diesen flüchtet man sich ja gerne zu alten Helden, um an deren legendären Großtaten Stärke, Schutz und neue Einsichten zu gewinnen. Euer Bloghost zum Beispiel kehrt immer wieder in die analoge Wärme der legendären Boards of Canada-Releases zurück und erfreut sich erneut am Mysterium dieser zeitlosen Musik.
Sowas bringt allerdings auch unausweichlich jede Menge Wehmut mit sich. Denn für BoC-Fans gehört es zum fast täglichen Ritual, auf der offiziellen Website nach einer Ankündigung für künftige Aktivitäten zu suchen. Jeder Klick auf den entsprechenden Link offenbart allerdings seit vielen Jahren immer wieder dasselbe – nichts (das letzte Update stammt von 2006) und so fühlt man sich dann nach tausenden Versuchen schon mal wie an einem gewissen Tag in Punxsutawney.

Nothingness and Eternity...
Fragen wie Gibt es BoC überhaupt noch?, Machen die noch Musik? oder Von was leben die denn jetzt eigentlich? sind ja für den Verehrer tabu; und um nicht vollkommen irre zu werden oder in totale Stasis zu gelangen, wendet man sich lieber neuen Releases zu und erfreut sich daran. Und da gibt es wieder einiges zu berichten auf TSN; man verzeihe mir, dass ich aus Zeitnot alle freudigen Ereignisse in einem Artikel zusammenfasse.
Lange hat es gedauert, bizarrerweise bis zum Release Numero 63, bis die Jubiläumsveröffentlichung Nr. 50 auf dem sehr verehrten Netlabel laridae erschienen ist. Aber Gut Ding braucht ja bekanntlich Weile, und für diesen Sampler haben sich die sympathischen Labeleigentümer dann auch nicht lumpen lassen und 24 hochwertige Tracks herausgegeben, welche die konstant hohe Qualität des Labels wieder einmal mehr als bestätigen.
Neben der Chefetage, die sich unter ihren Musikernamen Photophob, Firnwald und Red. Chamber selbst verewigt hat, findet man auf diesem edlen Package auch meinen persönlichen Geheimtipp Der Reisende, den anarchischen Schaua, den heroischen Iambic und vieles anderes Entdeckenswertes mehr. Wie immer ist der Download kostenlos, am besten sofort auf den entsprechenden Link klicken.
Ein weiteres Lieblings-Netlabel von TSN, Bleak, hat kürzlich seinen 35sten Release bereitgestellt. Bleak-Veröffentlichungen sind immer für auditive Überraschungen gut, und so scheint sich I††( so der Artistname, bedeutet “Eye Double Cross”) mit der Veröffentlichung “Evoke/Invoke” im Witch House/Ghost Drone-Umfeld zu bewegen. Über die Sinnhaftigkeit des mehr als mausetoten Genres haben wir hier in unserem Mater Suspiria Vision-Review bereits philosophiert, interessanterweise offenbaren die Nachzügler musikalisch viel greifbareres und auch faszinierenderes Material als dieses zu den unseligen Hype-Zeiten der Fall war.
… ein kleiner Ausschnitt aus “Evoke/Invoke” von I††, Bleak-Release 035.
Zu diesem Faktum später noch mehr – zu “Evoke/Invoke” möchte ich sagen, dass der Promotext auf der Bleak-Homepage etwas in die Irre führt – zum Glück, denn ein musikalisches Projekt, dass im Sinne der etwas überbewerteten Salem oder der fast schon vergessenen Acts oOoOO und White Ring musiziert, würde mich heute zu keinem Mausklick mehr verführen. Mater Suspiria Vision als Einfluß, ja, vielleicht am Rande – letztendlich offenbart sich I†† aber als überaus eigenständiges, vielleicht aus dem Geiste alter Neubauten-Songs entstandenes, Industrial-beinflusstes Projekt, welches sich durch ein interessantes, tribalistisches Ritual auszeichnet. Das zwingt zum oftmaligen Wiederanhören der zwei Tracks – ich wünschte mir am liebsten mindestens 10-minütige Versionen von jedem der beiden. Gibt es hier zum Download.
Last but not least kommen wir zu Robot Elephant Records, einem Londoner Label, welches mit ISVOLT im vorigen Jahr einen der überzeugendsten Witch House-Sampler überhaupt herausgebracht hat, der auch in der Nachschau als Überblick noch immer in höchstem Maße zu empfehlen ist. Und nun, in der Post-Witch House-Ära zeigen zwei der legendären ISVOLT-Acts, nämlich †‡† (Ritualz) und F8stercare, dass sie nicht mit dem Hype sang- und klanglos verschwunden sind, sondern gerade für die Aftermath einen hochwertigen Soundtrack abzuliefern imstande sind.
Ausserdem hat Robot Elephant ein weiteres, heisses Eisen im Feuer: Das Einmann-Projekt The Church Of Synth ist zwar auch deutlich hörbar im Geist von Witch House entstanden, nimmt diesen aber sozusagen als Sprungbett in eine Welt voller kraftvoller Hymnen, die unglaublich faszinieren. Mann, kann dieser Typ geile Hooklines schreiben! Das ist düsterer Pop auf allerhöchstem Niveau, da sollte Alec Empire dringend mal reinhören:
Der †‡† (Ritualz) vs. F8stercare Split Release erscheint im September als LP, CD und digitaler Download und ist hier vorbestellbar; The Church Of Synth erscheint im Oktober.




