Ein Review zu einem neuen Mater Suspiria Vision-Release machen zu dürfen, ist gerade an so einem erdrückend heissen Tag wie heute eine ganz wunderbare Sache – eine grossartige Entschuldigung nämlich, um den Schönwetter-Outdoor-Faschisten den gestreckten Mittelfinger zu zeigen und sich mit Wonne in sein finsteres Kämmerlein einzuschliessen. Dort, mit hermetisch verriegeltem Fenster, heruntergelassener Jalousie und versperrter Tür, kann man sich dann endlich wieder mal in die düster-trancigen Welten der mysteriösen Band aus der astralen Sphäre versenken.
Wir schreiben hier nicht mehr viel über das Genre Witch House, einfach weil es darüber kaum mehr was zu sagen gibt. Trotz aller Häme des unverständigen, digitalen Proletariats hat diese kurzlebige Stilrichtung einige wunderbare Veröffentlichungen hervorgebracht; hat sich dann allerdings auch schneller verabschiedet als englischer Punk im Jahr 1977. Warum wir aber immer über Mater Suspiria Vision berichten werden (derselbe Grund übrigens, warum die Band das Witch House-Genre überlebt hat): die haben eine kurze Zeitspanne lang sowieso nur ganz am Rande in das enge Stylekonzept gepasst und haben sich mit jedem Release, der uns wie eine Offenbarung vorkam, transzendiert – in mystische Klangwelten, die man auch nach dem x-ten Anhören eines ihrer vielen Werke nicht leichtfertig entschlüsseln wird können.
Mater Suspiria Vision sind auf angenehmste Art und Weise postmodern. Die vielfältigen Einflüsse musikalischer und theoretisch-magischer Natur lassen sich oftmals nur erahnen, verzweigen sich sofort rhizomatisch und bilden in ihren unvorhersehbaren Strängen eine dicke, schwarze Wolke, aus der jederzeit ein furchtbares Gewitter hervorbrechen könnte. Ja, vermutlich haben die ihren Crowley oder Spare gelesen, vielleicht sogar die entsprechenden Rituale vollzogen; die mögen stunden- oder tagelang Coil gehört haben und synchron dazu das ganze saubartelig/obskure Filmwerk der italienischen 1970er/80er-Jahre in sich eingesaugt haben – festlegen lässt sich das allerdings nicht mit Sicherheit. Ich glaube, dass MSV ihren eigenen, finsteren Mythos erschaffen haben, diesen aussenden und die gespenstischen Echos aus einer unendlichen Tiefe an der Oberfläche referenzieren.
Inverted Triangle II, so der Titel des neuen, wieder einmal überaus gewaltigen und komplexen MSV-Werks lässt sich in Bezug auf die vorherigen Erklärungen auch nur mühsam beschreiben. Mehrere Songs der Platte, als Beispiel sei hier stellvertretend Paradise of New H Suite genannt, erinnern mit ihrer beschwörenden Frauenstimme an die Kosmischen Kuriere mit ihrem “Sternenmädchen” Gille Letmann, die in Zusammenarbeit mit Timothy Leary in der Schweiz Anfang der 1970er-Jahre mittels hoher Dosen von LSD und Trance-Musik versuchten, ein aus den Idealen des Krautrock geborenes Äon zu erschaffen.
Aber das ist natürlich nur ein kleiner Teil dessen, was den geneigten Hörer erwartet. Mit genialen Songtiteln wie A giant snake that eats itself, der Zusammenarbeit mit How I Quit Crack, den ewig dahinmäandernden Tracks, den mysteriösen, multilingualen Texten und nicht zuletzt dem wie immer aussergewöhnlichen Artwork von Cosmotropia de Xam ist Inverted Triangle II wieder ein MSV-Release, den man unbedingt haben muss – wenn man denn noch einen ergattert allerdings, denn wie immer sind die Stückzahlen begrenzt.
Mehr Infos zu Inverted Triangle II gibt es hier und zu Mater Suspira Vision und Cosmotropia de Xam hier und hier.
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