Seit den vielbesungenen 1990er-Jahren spielt Wien nun international keine tonangebende Rolle mehr in der elektronischen Musik – damit ist natürlich nur die Wahrnehmung im Mainstream gemeint, denn interessante Indie-Labels gab und gibt es immer genug (siehe z.b. das Bleak-Porträt hier), nur fungieren die eher als Einzelkämpfer und würden sich vermutlich anspeiben, wenn man sie als “Wiener Sound” definieren wollte.
Es ist natürlich auch noch immer möglich, den grossen Zeiten von Mego und Cheap Records hinterherzuweinen, oder zu beklagen, dass Labels wie Klein Records ins Ausland abgewandert sind; andererseits kriegt euer Bloghost Panikattacken, wenn er hört, dass sich Kruder & Dorfmeister wiedervereinigt haben, denn, nein, wir wollen keine ur-super-gemütlichen Loungebeats mehr hören, wo alle so tun, als ob sie vollkommen bekifft wären und in Wirklichkeit läuft dieser säuselnde Mist seit seiner Erfindung in schicken Cafes, in den stylishen Vorzimmern von Agenturen, die sich für supercool halten und vermutlich auch in Arztpraxen und Fahrstühlen. No more Weichspüler, please!

...dieses Revival brauchen wir nimmer.
Zum Glück darf man bei “Wien” heutzutage auch an ein wunderbares Label wie Phlox denken, das aber sowieso international ausgerichtet ist und dem der Wien-Bezug auch eher nicht so wahnsinnig wichtig sein dürfte. Hinter Phlox stecken alte Veteranen, die sich nie anpassten und in ihrer Kreativität kaum jemals nachgelassen haben. Gerhard Potuznik aka G. D. Luxxe z.b. hat sich im Laufe der Jahre musikalisch immer wieder neu erfunden, Hans Platzgumer, dem seine zahllosen Elektronik-Projekte ja eh nie genügt haben, und der inzwischen auch als Buchautor, Komponist und was weiss-ich-noch-alles bekannt ist, erinnert mich vom Output her an Barock-Fürsten wie Georg Friedrich Händel, und der dritte im Bunde, Martin Sovinz aka Dibek, der hat ja auch mal als Elektroniker im Metal-Impro-Grenzbereich bei dem verehrungswürdigen Disharmonic Orchestra mitgemischt.

Sehr schön: Das Phlox-Coverdesign.
Abseits dieser alten Geschichten ist Phlox als aktuelles Label sehr reizvoll, weil geschmäcklerisch und damit auch tonangebend. Und weil Phlox auch überhaupt keinen Wert auf musikalische Gefälligkeit legt, sind bei den diversen Releases auch immer wieder sehr schöne Entdeckungen zu machen. Stilistisch changieren die ganz geschickt zwischen experimentellem Anspruch und pumpenden Beats, nach alter Science Fiction schmeckendes Retro-Synth-Geblubber hört man ebenso wie schicken Dubstep. Das fanden übrigens auch schon Szenegurus wie Gilles Peterson und die heilige Mary Anne Hobbs sehr gut und haben Phlox-Releases in ihren Sendungen gefeatured.

Auch Holy Mother Mary findet Phlox gut.
Mit berechtigtem Stolz präsentiert Phlox nun seinen “1ST ANNUAL REPORT”, darauf sind grosse Tracks von den Herren Labelchefs als GDX, Dibek und Aura Anthropica zu finden, aber auch hochinteressantes von Dmitry Mazurov, Otzim Lee, M Step und vielen anderen mehr. TSN gratuliert herzlich und sagt: Braucht man!
Hier kann man das alles in Ruhe anhören und auch kaufen.
Da kann man das auch.
Hier wiederum ist die Homepage von Phlox.
Und auf Facebook gibts die auch. Like it!
Und einen superen DJ-Mix von Dibek auf Soundcloud hätt ma auch noch anzubieten:




