3rynnia – Interview und Mixtape.

Das Wunderland, das gibt es noch, nicht das von Alice meine ich, sondern jenes, wo so großartige KünsterInnen-Ein-Personen-Maschinen unbeirrt von reich, anerkannt, arriviert, beliebt, berühmt, blablabla vor sich hin werkeln, weil sie einfach nicht anders können.

Ein grosser Herzenswunsch war es mir deshalb schon länger, 3rynnia, die genau so eine hermetische work unit darstellt, auf TSN ausführlich zu porträtieren. 3rynnia liebt es (so wie ich) eher mysteriös, weswegen wir nun weder mit persönlichen Daten, noch Lebensgeschichte dienen werden. Dafür gibt es aber ein aufregendes Mixtape, tolle Fotos, Links zum weiterinformieren und ein Interview, dass ich mit der Künstlerin kürzlich geführt habe.

Den Namen Erynnia find ich interessant. Das ist die Bezeichnung für eine Fliege aus der Famile der Tachinidae – erzähl mal wie du dazu kamst, eine Fliege werden zu wollen.

ursprünglich bezieht sich der name auf die griechischen erinyen (röm. furien), die drei rachegöttinnen, personifizierte gewissensbisse der antiken mythologie. mit 16 war ich teil einer für mich sehr aufwühlenden theateraufführung von jean-paul sartres “die fliegen”, wo sie ein zentrales element bildeten. die idee von diesen drei weiblichen figuren und ihrer unausweichlichen getriebenheit hat mich vollends vereinnahmt und von da an gab es keinen zweifel mehr für mich, wer zu mir spricht wenn ich kreativ bin. 2011 hat sich Erynnia dann in “3rynnia” verwandelt, was neben der persönlichen magie dieser zahl nicht zuletzt auch eine wiederholte referenz auf Alekto (Ἀληκτώ), Megaira (Μέγαιρα) und Tisiphone (Τισιφόνη) ist.

Es singen viel mehr Menschen als man glaubt – das hüten sie jedoch wie ein Geheimnis – ist das eine schwierige Entscheidung, damit an die Öffentlichkeit zu gehen?

ich bin obsessive verfechterin von geheimnissen. lange zeit war das gesamte projekt ebenfalls eines. es ist beängstigend etwas von sich preis zu geben, das so eng mit einem verbunden ist. deshalb habe ich mich – entgegen der gängigen praxis im kunstumfeld – auch lange zeit geweigert live aufzutreten. ich schätze es kommt einfach irgendwann die zeit, wo man nicht mehr zwischen einem selbst und der kunst trennt. wo man die eigenen grenzen überschreiten muss um weiter zu kommen. irgendwann gab es nichts mehr zu verstecken. im gegenteil – es gab so viel belanglosigkeit ringsum, dass ich meinen ideen einen platz in der welt einräumen wollte. einen gegenentwurf zur perfektionistischen praxis der selbstdarstellung schaffen. auch wenn ich trotzdem der überzeugung bin, dass ich zur zeit des ersten offiziellen demos “PDA” (2005) noch bei weitem nicht reif dafür gewesen bin, mich irgendeinem publikum zu stellen.

Aber du hast es einfach trotzdem getan, das finde ich bewundernswert. Die Frage ist ja, wieviel von sich man dann hinter einer eigens kreierten Kunstfigur versteckt, oder von sich “selbst” preisgibt. Wobei es ja auch sein kann, dass diese Kunstfigur bloß ein anderer Aspekt der eigenen Persönlichkeit ist, der neu entdeckt werden will.

anfangs hat mich dieses thema beschäftigt. das nachdenken darüber war jedoch schon immer hinderlich für meinen schaffensprozess. also habe ich damit aufgehört. sobald etwas konzipiert ist, verliert es auf dauer seinen reiz. es ist das überwältigtwerden vom unbewussten, das mich interessiert. der rationalität wird im alltag sowieso schon genug platz eingeräumt. vielleicht ist das auch der grund, warum meine musik für viele leute unverdaulich ist. es geht nicht darum etwas konsumierbar zu verpacken, sondern es anzuerkennen und rauszulassen. manchmal werden dabei teile von einem selbst befreit und manchmal sterben sie. manchmal spricht jemand fremder aus einem und manchmal verliert man sich in einem selbst.

Als Journalist schmeisst man ja Musik immer gerne in irgendwelche Schubladen – in deinem Fall war es schwierig für mich, Vorbilder zu finden – wie wärs denn mit Diamanda Galas?

brauchst du wirklich eine schublade? die nennung von diamanda ehrt mich und dieser “vergleich” taucht gar nicht so selten auf. es fällt mir schwer, über meine aussenwirkung zu urteilen. georg cracked hat in seiner rezension zu meiner EP “Cavern of Victory” unter anderem kate bush, mike patton und sainkho namtchylak erwähnt, was ausserordentlich schmeichelhaft war. jemand im netz kategorisierte 3rynnia als “apocalyptical lo-fi blues”. wenn ich jedoch für mich spreche, kann ich sagen, dass mich als künstlerin und musikerin mit sicherheit katie jane garside tiefgreifend geprägt hat. ihre präsenz und existenz war lange zeit ein motor, gegen die eigenen vorbehalte anzukämpfen. sie repräsentiert für mich noch immer eine authentizität und intensität, die wahre kunst auszeichnet. um mit A$AP Rocky zu sprechen, dessen song auch auf dem mixtape vertreten ist: “An artist in the purest form, I live that song, Bambi.”

Ja wie soll ich sagen… ja, ich brauche Schubladen. Das hat ja auch irgendwie was geil Nerdiges an sich, wenn man da nach Querverbindungen sucht. Oder kurzerhand gar neue erfindet wie “Witch House”, da ärgern sich dann alle drüber :-) Aber natürlich, zu ernst nehmen sollte man das Ganze als Rezensent nicht mit der Musikwissenschaft. Also ich möchte gern noch was von dir wissen. Deine Fotos sind ja mitunter auch recht sinnlich. Welche Rolle spielt deine Sexualität bei deiner Präsentation als 3rynnia?

ich reflektiere so etwas nicht bewusst. sexualität ist doch der ultimative kreative prozess. genauso umgekehrt. ich mache was ich fühle und es ist jedesmal eine herausforderung, körperlich, intellektuell, visuell und akustisch auszudrücken, was einen und das unmittelbare umfeld bewegt. es muss in dem moment wahr sein und wenn das z.B. heisst, dass ich mich entkleiden muss um mich geschützt zu fühlen, dann ist das eben in dem augenblick so. und morgen wieder anders. das ganze hat etwas sehr rituelles. der menschliche körper fasziniert mich grundsätzlich in vielerlei hinsicht. er ist endlos und undurchschaubar. aber das ist wieder eine andere geschichte.

Arbeitest du eigentlich gerne auch mit anderen Musikern/Sängern zusammen, oder produzierst du am liebsten alleine?

wir sind immer mindestens zu dritt und nie alleine :) das schaffen mit 3rynnia ist kompromisslos und streng, gleichzeitig aber auch völlig ungeordnet und rein intuitiv. wahrscheinlich auch extremer als es jede kooperation je sein kann. zusammenarbeit erfordert immer kompromisse, es ist einfach eine völlig andere art zu arbeiten. bei einer collabo kann ich nicht jemanden um 8 uhr früh anrufen und sagen “du, ich nehme grad im bett den neuen song auf, komm schnell rüber und spiel dazu den gitarrenpart ein.” das macht (noch) keiner. zwei aktuelle kollaborationsbeispiele finden sich auf dem mixtape: zum einen der IFeelYou-remix vom leipziger multitalent Silences, mit dem ich derzeit auch an eigenen tracks arbeite. zum anderen die collabo mit 7schlaf, einem linzer elektroniker. in der vergangenheit habe ich vereinzelten songs meine stimme geliehen (Alien Hand Syndrome, Neigungsgruppe Sex, Gewalt und Gute Laune), wobei mir bei der zusammenarbeit immer ein gewisser ähnlicher blick auf die welt wichtig ist. ein bereits fertiges obskures projekt mit einem freund existiert zum beispiel als geheimnis auf einem rohling. einfach weil es so schwer ist, einen geeigneten physischen output dafür zu finden, der dem inhalt auch künstlerisch gerecht wird.

“Geeigneter physischer Output”, gutes Stichwort: Früher einmal war es das wichtigste, irgendwo mal einen “offiziellen” Release zu haben, nachdem die “Musikindustrie” ja heutzutage für nix mehr zu gebrauchen ist, releast und vermarktet man heute ja mehr im Alleingang – wo ist denn dein musikalisches Werk zu finden?

kreuz und quer übers internet verstreut. haha. irgendwann habe ich aufgegeben, mich an ein konzept zu halten. die ersten drei releases gab es als limitierte CD-Roms. die beiden letzten davon kann man mittlerweile bei Amazon und diversen anderen online-stores runterladen (noch unter dem namen Erynnia). alle aktuellen releases möchte ich auf bandcamp rausbringen, unter anderem ist dort der erste teil des akustischen triptychons “I saW Was I” zu hören. skizzen und aktuelles veröffentliche ich meist auf soundcloud oder youtube. es begeistert und beruhigt mich immer wieder, dass es ein paar hardcore fans am anderen ende der welt gibt, die es trotz meiner wirren release-politik schaffen, alle meine veröffentlichungen zu verfolgen und vollständig zu besitzen. solches engagement und detektivistisches gespür bewundere ich, es erinnert mich ein wenig an mich selbst als ich noch mehr konsumiert habe. da gab es auch nichts was mir entging, wenn ich eine obsession hatte. wer letztlich wirklich ans ziel will, schafft es auch und in zeiten der reizüberflutung ist eine derartige konsequenz das größte kompliment, das man als künstlerin erhalten kann.

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Und hier das versprochene Mixtape von 3rynnia, welches euch wie immer zum Stream oder Download zur Verfügung steht.

Frühlingsfi3b3r Mixtape by 3rynnia.


Download it.

I.             My Brightest Diamond – Nature Boy
II.           Cynic – King of those who know
III.         3rynnia – IFeelYou [Silences Remix]
IV.          Sufjan Stevens – Dumb I Sound
V.            Paatos – Gasoline
VI.          A$AP Rocky – Leaf
VII.        7schlaf feat. 3rynnia – Seven Sleepers of Hell
VIII.      Mondkopf – Day of Anger
IX.         Halls – I am not who you want
X.           Melanie Fiona – 4am [HTDW Speed Breaks Repetition Mix]
XI.         3rynnia – Silence I
XII.       Sun Glitters – Too Much To Lose [Regal Safari Remix]
XIII.     D.I.P. Project & Инфинити – Я ничья, я чужая
XIV.      Kastle – Stay Forever
XV.       Der Täubling – Kinderszenen

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Die psychedelische Reise geht weiter.

Lange habe ich geschwiegen hier auf The Sweetest Noise, doch nun ist der Sommerschlaf vorbei, denn es gibt viel Neues zu berichten. Und mit den grössten, großartigsten News platzen wir gleich zu Beginn heraus: das grösste, großartigste, wunderbarste, mysteriöseste Musikprojekt aller Zeiten hat wieder gekreißt: Mater Suspiria Vision!

Nein, ich bin nicht immer so enthusiastisch. Aber Cosmotropia de Xam mit seinen diversen Musik/Videoprojekten ist sowas wie eine der letzten Lichtgestalten einer im Krautrock fußenden psychedelischen Reise, die noch immer andauert, noch immer nicht langweilig geworden ist und deren Ende hoffentlich noch lange nicht abzusehen ist.

Wie dieser Künstler als Ein-Mann-Projekt mit seinen liebevoll gestalteten Produkten überleben kann, ist mir ein Rätsel – bei dem kontinuierlichen Fluss konstant hochwertiger Releases auf Phantasma Disques mit diesen wunderbaren Covern bleibt ihm (und uns Bewunderern) nur zu wünschen, dass dies ewig so bleiben möge.

Paracusia (Crack Witch 2)” heisst das neue Werk von Mater Suspiria Vision, und ja, es ist wieder unbestreitbar ein Meisterwerk. Gekonnt verbindet die Musik die bewährten, liebgewonnenen Tugenden der Kosmischen Musik, des Witch House und der himmlischen Todes-Sleaziness eines Riz Ortolani oder Fabio Frizzi mit den mäandernden Drones von La Monte Young und seinem “Theater of Eternal Music”.

Doch die für neue Variablen sorgenden Soundzellen der vergangenen Releases haben sich inzwischen geteilt und vermehrt – der weibliche Stimmanteil hat zugenommen und dominiert auf “Paracusia” in beeindruckender Art und Weise. Noch immer denke ich dabei an die surrealen Deklamationen von Gille Lettman (Cosmic Jokers), oder die wunderbare Rosi Müller, der die Supergroup Ash Ra Tempel mit ihrer LP “Starring Rosi” einen würdigen Tribut zollte.

Während die genannten Damen ihre Botschaften eher als Gedichte vortrugen, wird bei dem neuen MSV-Release aber auch richtig gesungen, und während die Cosmic Jokers und Ash Ra Temple eher in kosmische Psychedelik abdrifteten, ist der musikalische Background von “Paracusia” viel sinistrer; die einzelnen Riffs entfalten sich zu majestätischer Grösse und sorgen für ein Gefühl, als ob die Apokalypse vor der Tür stünde (oder auch schon passiert wäre). Besonders gefreut hat euer Bloghost sich über den letzten Track “Trip 2013” –  denn dieser führt wieder in eine verzwickte Parallelwelt, die Lewis Carroll ersonnen haben könnte. In bester Ghost Drone-Tradition treibt MSV mich damit in lachenden Wahnsinn.

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Viele Produzenten heften ja heute so gerne wieder das Krautrock-Banner auf ihre Musik, weil es anscheinend noch immer als cool gilt wenn man die Motorik und den Spirit von Can oder Neu! in seinen Releases verinnerlicht hat. Zumindest sollen wir Rezensenten das wohl glauben – die Wahrheit ist, dass man gerade diese Ideale heute wohl nur schwerlich erreicht und das auch gar nicht mehr tun sollte (ich will jetzt auf keinen konkreten Releases herumhacken, ausser vielleicht auf den beiden BEAK>-Veröffentlichungen von Geoff Barrow, weil die dermassen langweilig und öde sind); ich würde eher empfehlen, auf den Wegen in den musikalischen Dschungel weiterzuforschen, die Genies wie Czukay und Co. vor Jahrzehnten ins Dickicht gehaut haben. Cosmotropia de Xam demonstriert dies vorbildlich auf “Kosmische Puppen” mit seinem Nebenprojekt Pwin Teaks And The Children Of The New H; als Inspiration dienten hier wohl eher die nur wirklichen Krautrock-Insidern bekannten Damenbart und Zweistein (glücklich der Sammler, der diese megararen Platten in seinem Schrank stehen hat), zumindest was die äusserliche Form betrifft – der musikalische Inhalt ist hingegen originär im allerwahrsten Sinne.

Schlußendlich möchte ich noch auf einen Release hinweisen, der in Kürze auf Phantasma Disques erscheinen wird – PROSYMNA mit “Broken Water Of Mykines”. Ein französisches Projekt, welches ich irgendwo im Darkwave-Bereich einordnen wurde? Schwer zu beschreiben, recht kräftige, dunkle Synthlinien treffen auf eine sehr faszinierende Stimme (die Sängerin nennt sich Emi und ist auch auf einem Track der neuen MSV-Platte zu hören), macht euch am besten selbst einen Eindruck mit dem folgenden Video.

Alle besprochenen Releases könnt ihr hier bestellen.

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Sakura Mixtape by Himelie

OMG! Lange, lange hab ich auf Post aus Japan gewartet und endlich ist sie eingetroffen – nämlich in der Form eines wundervollen Mixtapes der Tokyoterin Himelie.

Himelie hat früher mal als Djane gearbeitet, war übrigens die erste, die Patrick Pulsinger nach Tokyo geholt hat und hat auch das legendäre Farmers Manual-Kollektiv dort live erlebt. Heutzutage ist sie zwar nicht mehr aktiv tätig, aber natürlich nach wie vor eine grosse Musikliebhaberin.

Ich freue mich ausserordentlich, dass ich Himelie zu einem Mixtape bewegen konnte, welches euch hier zum Stream/Download bereitsteht. Enjoy it!

Sakura Mixtape by Himelie.


Download this!

01. Eye Robot – Plaid
02. Skin with me (Andrea parker Remix) – Mira Calix
03. Rerelease Hysteresis – Mouse on mars
04. Non-Existant (Keyed in by Gescom) – Push Button Objects
05. Complicated Women Wired – Yukiga Futte Uresii
06. Untitled 27 (Phoenecia Remix) – Jake Mandell
07. Nijizou – Rei Harakami
08. asa nisi masa (Reflected by Carl Craig) – As One
09. The New York Editor – Amon Tobin
10. Circle – Siouxsie & The Banshees
11. eggroc – FuniSaya
12. Taidohoryu – Computer Soup
13. Nightmare – Kenji Yasaka
14. Moti Mo – Medeski Martin & Wood
15. Ancient Ocean III – Bedouin Ascent
16. Puta (Farmers Manual Remix) – Sluts’n'Strings & 909

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Firnwald vs. Photophob.

Also, es gibt so Zeiten, wo man als selbsternannter Musikrezensent einfach nur glücklich und euphorisch ist. Das ist der Lohn, den wir Blogger statt Ruhm und Geld bekommen. Der Grund für meine derzeitige Hochstimmung ist die Tatsache, dass gleich zwei von mir verehrte Künstler kürzlich jeweils einen neuen Release herausgebracht haben. Firnwald (über den hab ich hier berichtet) hat uns ein wildes, mutiges Werk namens “The Ultrarchitec” geschenkt, während Herwig Holzmann aka Photophob seine Fans mit dem feinen, nachdenklichen “Wasteland Vibes” erfreut.

Jetzt liegt das natürlich nahe, dass man die beiden Releases ein wenig gegeneinander antreten lässt, ich konnte da einfach nicht widerstehen…

Beginnen wir mit Herrn Firnwald. Was ich an dem schon immer so geschätzt habe, war seine Bereitschaft zu unkonventionellen Einsprengseln; Momente, die immer wieder für Überraschung gesorgt und euren Bloghost aufhorchen haben lassen. Mal war es ein mit akustischen Instrumenten verfertigtes Zwischenspiel, unvermutet auftauchender Gesang oder ein unerwarteter Sprung im Songwriting. Man merkte immer ganz deutlich, da ist einer, der danach sucht, die üblichen Konventionen auf originelle Art und Weise zu sprengen.

Dass Firnwald ein Forscher ist, hat sich also über die Jahre und viele Releases hinweg bewiesen, man merkte das bereits bei seinem letzten, hier auch besprochenen Werk “Cinder” stark, mehr noch allerdings bei “The Ultrarchitec”. Wie soll ich dir das am besten beschreiben? Wenn ich das in Schubladen erklären müsste, würde ich sagen: eine Mischung aus dem jungen, wilden Squarepusher vielleicht und den abenteurlichen Releases des von mir hochverehrten Labels Brainfeeder. Vor allem letzteres ist eine gute Referenz, weil Firnwald an manchen Stellen seines neuen Releases eingetretene Pfade der Electronica (wie wir sie sattsam kennen) verlässt und höchst interessantes Neuland betritt.

Squarepusher in Action. Foto von http://www.efestivals.co.uk

Nehmen wir da z.b. mal den Track “Fade into Obscurity” her: Der hat genau die Ingredienzien, die mir das Musikhören noch immer zur puren Freude machen. Da gibt es einfach dermassen spinnerte Momente, die im Endeffekt aber grossen Sinn ergeben; so a lá Brian Wilson in seiner Drogenphase bei den Beach Boys, naja der Vergleich hinkt vielleicht etwas, aber besser bekomm ich das gerade nicht hin.


In dieser Art gibt es noch vieles mehr zu entdecken. Ein klitzekleiner Wermutstropfen für mich ist die starke Vocal-Lastigkeit des Albums, was aber nur an mir liegt, weil ich das einfach nicht so gerne mag; ein höchst subjektiver Eindruck also. Objektiv gesehen muss man aber zugeben, dass die hauptsächlich weiblichen Stimmparts sehr gut gesungen und spitze aufgenommen sind.

Der Klang von “The Ultrarchitec” ist die reine Freude, druckvoll und satt entströmen die Bässe und Trommeln meinen heimischen Lautsprechertürmen. Und übrigens, dieses Album ist zur Abwechslung nicht als freier Download erhältlich, das gibt es zu kaufen zu einem lächerlich niedrigen Betrag von 8 Euro und zwar hier. Diesen Betrag ist es aber mindestens doppelt und dreifach wert, du kannst mir da echt vertrauen.

***

Und damit zu Photophob, der gefühlt nach seiner Anzahl seiner Releases und musikalischen Reife schon ein sehr alter Mann mit langem, weissen Bart sein könnte (was er natürlich nicht ist, der fleissige Musikarbeiter ist eigentlich noch eher jung). Gerüchte besagen, dass “Wasteland Vibes” das letzte Photophob-Album für längere Zeit sein könnte, was bei mir als Fanboy natürlich gleich zu einer rührigen Stimmung beiträgt.

Hier also der Vergleich: Wo Firnwald sich neu erfunden hat, hat Photophob sein künstlerisches Schaffen eher wieder weiter verfeinert. Diese einmalige Mischung aus Broken Beats, Dubstep-Gewobble, zarten Field Recording-Einsprengseln, dezenten Ethnoklängen und atmosphärischen Synthpads ist sowas wie das bekannte Photophob-Markenzeichen, schon oft gehört und trotzdem immer wieder aufs Neue spannend und meine Ohrmuscheln erfreuend (dass der Gute aber auch anders kann, wissen wir unter anderem seit seinem sensationell bösartigen Gritli Moser-Release).

Dieses beharrliche Feilen an einem sozusagen überschaubaren Soundpool hat Photophob inzwischen in eine Liga katapultiert, vor der man wirklich nur ergeben den Hut ziehen kann. Dieser Musiker verfügt inzwischen über eine kompositorische Kompetenz (was für eine Phrase, haha), die für ordentlich Gänsehäute sorgt. Hier also mein aboluter Lieblingstrack von “Wasteland Vibes”, nein eigentlich einer meiner Lieblingstracks in letzter Zeit überhaupt (als ich den zum ersten Mal gehört hab, drückte ich die halbe Nacht immer wieder auf den Repeat-Knopf, echt). “MTV (Malicious Tribal Vibes)” heisst das Juwel, das ich dir, mein liebster, verehrtester Blogleser und musikalischer Feinspitz, ganz ganz ganz besonders ans Herz legen möchte.

Ein feiner, gefilterter Loop aus afrikanischem Stammesgesang(?) leitet über zu einer Nummer mit dem schönsten Aufbau, den ich seit langem gehört habe; mit Hooklines, die Haare an diversen Stellen zu Berge stehen lassen und einem traumhaft komplexen Beat, der zugleich vorwärts springt und die Handbremse zieht. Das, lieber Photophob, auch wenn das jetzt ein wenig pathetisch klingen mag, ist ganz grosse Meisterschaft.


Wasteland Vibes” unterscheidet sich übrigens in einer anderen Hinsicht von früheren Photophob-Releases – das politische Engagement und ein starkes Umweltbewusstsein des Musikers fliesst nun viel stärker in seine Kompositionen ein. Extrem gute Sache, finden wir. Hier gibts das wunderbare Werk zum freien Download: Klick.

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The Owls Are Not What They Seem Mixtape by chra

Mehr weibliche Musikpower hier auf TSN, das hab ich mir selbst als Motto für 2012 ausgerufen. In absehbarer Zeit werden wir hier über die aussergewöhnliche Vocal-Artistin 3rynnia berichten, warten sehnsüchtig auf Mp3-Post aus Japan und machen heute den Anfang mit einem neuen Mixtape der von uns hochverehrten, in Wien ansässigen Underground-Ikone Christina Nemec aka chra.

Deren erster, wundervoller TSN-Mix “Fingerpaintings Of the Insane” ist genau 1 Jahr, 1 Monat und 16 Tage her, und wir freuen uns sehr, dass sie uns wieder mit einem neuen Mixtape ehrt. Dieses trägt den Titel “The Owls Are Not What They Seem” und bietet euch wieder ein recht aussergewöhnliches Hörabenteuer zwischen Portishead, Faust (Yippie!!!), Amon Tobin und eigenen Werken der Künstlerin. We love it!

Foto: Konstantin Drobil

The Owls Are Not What They Seem Mixtape by chra.


download it!!!

chra – micronecta

amon tobin – esthers

ariel pink’s haunted graffiti – pedestrian pop hits

chra – säkenoivä – remix: mathias schaffhäuser

mathias schaffhäuser – nice to meet you – remix: chra – nice2havefriends

faust – brumm und blech

ziggy kinder – colorholic

dubgray dust – this is for my dutch crowd

station rose – 99 against 1

death from above 1979 – black history month

the kills – satellite

portishead – we carry on

chra – waterwaterwater falls

peter grummich – sunbeams

radioactive man – strong booze

Dinky/Ryan Crosson/Onur Özer/From Within/Phage & Daniel Dreier/Plastikman/Concept 1 – My Little Pony/Thirds In Trees/Raking It/Elektrotechnik/R2

http://www.comfortzonemusic.com/

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GDX – Cayta EP

Eine musikalische Biographie über Gerhard Potuznik aka GD Luxxe aka GDX zu schreiben, ist mir definitiv zu anstrengend. Denn dieser legendäre Produzent ist seit den späten 1980er-Jahren in der Szene zugegen und hat in dieser Zeit dermassen viele Pseudonyme, Labels und wunderbare Releases angehäuft, dass ich hier faulheitshalber auf die ausführliche Bio auf seiner Homepage verweise.

Was ich stattdessen sagen möchte: Viele GD Luxxe-Releases der vergangenen Jahre sind sowas wie musikalische Freunde für mich geworden, mit denen Erinnerungen verknüpft sind, die ich niemals missen möchte. Meine Begeisterung für seine LP “Spiral Architect” auf Sabotage 1997. Die eisige Majestät des GD Luxxe/Hans Platzgumer-Projekts Cube & Sphere. Die göttliche Absurdität der Mäuse. Und meine persönliche Lieblingsplatte, “Submission” von 1999, eine mich ganz eigenartig berührende Mischung von heftigen Electro-Tracks mit wehmütigem 80ies-Flavor. Immer, wenn ich “Ocean Liner” oder “Air Force One” höre, kriege ich feuchte Augen.

Aber genug der Gefühlsduselei, das Leben geht weiter und auch GD Luxxe hat sich (natürlich) weiterentwickelt. Über das Label Phlox, das Potuznik als GDX seit geraumer Zeit zusammen mit Gleichgesinnten betreibt, habe ich hier schon mal ausführlich berichtet. Soeben darauf erschienen ist die GDX-EP “Cayta” die ich heute zum ersten Mal probehören durfte.

Das musst du dir so vorstellen: Nach einem langen, anstrengenden Arbeitstag komme ich nach Hause, finde den Link zum Presserelease in meiner Mail, saug mir das runter, spiel es an – und stelle meinen Winamp sofort danach auf Endlosschleife, weil ich mich einfach nicht satthören kann. Also die zwei Tracks auf Cayta sind dermassen grossartig; wie kann man die am besten beschreiben? Die Beats sind so richtig schön oldschool Garage, aber dieses liederliche, überverspielte, das mir an dieser Stilrichtung immer ein bisschen auf den Nerv ging, fehlt hier zum Glück total.


GDX: “Cayta” (Auszug)

Stattdessen massiert mir ein fettes, effektiv kurz gehaltenes Bassriff angenehmst das Hinterteil. Und darüber glänzt jedes der beiden Stücke auf seine ganz eigene Art mit Basic Channel-Hallfahnen, die sich mit geschmackvollen Synthpads abwechseln. Irgendwo da drinnen meldet sich auch die gestrenge Detroit Techno-Schule zu Wort, die wie ein riesiges Uhrwerk tickt und mich immer weiter nach vorne zieht. Schön sind auch die hin und wieder auftauchenden, verhuschten Vocal-Schnipsel, die mich an den heiliggesprochenen Burial erinnern. Sowas liebe ich.


GDX: “Second Sun” (Auszug)

Alles in allem erzeugt “Cayta” eine dermassen trancigen Sog, dass ich sogar ein bisschen an den grossen deutschen Trance-Meister TV Victor denken muss. Eine leidenschaftlichere Kaufempfehlung hab ich hier glaube ich noch selten geschrieben. Das sollte man haben, digital oder Vinyl, ganz egal.

Kann Muss man sich hier besorgen.

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Mater Suspiria Vision – Inverted Triangle III

In diesen möglicherweise letzten Tagen der Welt, wie wir sie kennen, wo Chaos und Verwirrung herrschen, wo alte, immer für sicher gehaltene Strukturen sich plötzlich schlangenmässig winden wie Brücken während eines Erdbebens, wo man schier verzagen möchte, weil plötzlich all das giftige Aas, das braune und schwarze, halb verfaulte Ungetier vergangener Zeiten wieder seine verdorrten Hände aus dem Boden streckt und versucht, neue Wurzeln zu treiben;

In dieser möglichen Endzeit, in der die falschen Propheten des kapitalistischen Monsters, welches mit absurd aufgeblähtem, schimmligem Bauch in einer stinkenden Jauchegrube in den letzten Zuckungen liegt, wie Geister umgehen und uns mit Texten obskurer Gesetzesrollen Angst einjagen wollen, in denen sie behaupten, wir, die unschuldigen Kinder, seien die Täter, wir seien schuld an dem unmäßigen Hunger des Molochs Weltkonzern;

In dieser Zeit, in der die bleiche Hure genannt Mainstream ihre Maske der Kreativität nicht mehr zu tragen vermag, weil ihr die wurmstichigen Ohren und die eitrige Nase verrottet sind; in dieser Zeit sprießen in all dem stinkenden, vergifteten Boden unbemerkt von all den entzündeten Augen der Agenten wunderbare Triebe, wuchern rhizomatisch, heilen die Erde und bilden so das noch jugendliche Bett, in dem wir, die Überlebenden, nach dem reinigenden Feuer ruhen werden können.

Der dritte Teil des Mater Suspiria Vision-Megaopus “Inverted Triangle” ist so ein Sproß, der in die Zukunft weist und gleichzeitig eine starke Dosis Opium symbolisiert, die uns zu tonnenschweren, unruhigen Träumen zwingt, in denen wir uns, sofern wir den Schritt in den dunklen Wald wagen, selbst erkennen und annehmen dürfen. Diese Musik schafft keinen Schlaf des Vergessens, zwingt uns eher mit fiebriger Klammer in die schweissnassen Laken, in einer Nacht, die dahinschleicht wie ein uralter Greis; in der das tröstende Morgenlicht sich sehr lange verbirgt hinter der dick vermummten, staubigen Decke der Dunkelheit.

Es wird immer schwieriger, Mater Suspiria Vision mit irgendwelchen ehrwürdigen Vorbildern festzunageln, denn der Weg dieses einsamen Pilgers in der bleichen Mondnacht der musikalischen Seele ist ein einsamer, ist bereits ohne Idole; vielleicht mögen die ganz obskuren Acts, die schon damals nicht zur einer inzwischen längst zu grauem Pulver zerfallenen Stilrichtung wie Krautrock gehörten, Zweistein oder Damenbart, ein Wegweiser sein, der aber ja doch nur wieder in die Irre führen könnte, da Inverted Triangle III ein singuläres Ereignis ist. Punkt.

Und so wird dieser überirdisch anmutende Klangkosmos, dessen Hallfahnen mit Geduld einen Klang nach dem anderen zeugen, schichten, türmen und wieder im All verglühen lassen, endgültig zur elektrischen Himmelsleiter, auf der man den Aufstieg wagen kann, um in der reinigenden Explosion eines Sterns zu vergehen.

Bestell dir Inverted Triangle III hier – wie immer gilt das Gebot, nicht zu zaudern, denn die Stückzahl ist beschränkt.

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